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Der Fremde in mir

Aktualisiert: 3. Juli 2019


 

Wochenende. Endlich wieder Zeit für mich. Endlich wieder Party machen. Ich war bestimmt schon einige Wochen nicht mehr nachts unterwegs. Wird Zeit wieder ein paar Leute kennenzulernen. Kontakte zu knüpfen und das Netzwerk zu erweitern. Vitamin B ist schließlich essentiell und wer weiß, wann sich welcher Kontakt mal als nützlich erweisen könnte. Oh…und wieder ertappe ich mich, wie ich den Menschen auf seinen Nutzen und seine potentiellen Beziehungen reduziere.

Naja, ich mach‘ mich fertig. Im Club angekommen, spielt mir meine offene, leicht extrovertierte Ader direkt in die Karten.

Ich spreche einen Typen an der Bar an: „Hey ich kenn‘ Dich doch von der Uni. Du besuchst doch auch die Vorlesung vom Herrn Spiegel, oder nicht!?“


„Ähm, nein. Nicht, dass ich wüsste.“


„Oh, sorry, mein Fehler. Aber du studierst doch, oder?“


Das Gespräch lockert sich: „Ja ich studiere.“


„Perfekt, ein Akademiker“, saust es mir direkt durch den Kopf.


„Und was machst Du?“, fragt er mich.


Da ist sie wieder. Die Frage, die das Individuum in eine unterbewusste gesellschaftliche Rangliste einstuft.


„Ja ich studiere auch und bin zusätzlich Unternehmer.“


War mir egal, ob er das wissen wollte. Es hört sich gut an und ich habe immer das Gefühl, dass der Ausdruck mir soziale Anerkennung beschert. Schließlich studiere ich auch. Und das mit dem Unternehmer war auch nicht wirklich gelogen. Ich bin ja so was Tolles – wie naiv.


Ich fühle mich schlecht. Nach einer langen Nacht voller Klatsch & Tratsch, konnte ich zahlreiche Kontakte knüpfen. Beruf oder akademische Laufbahn konnte ich auch meistens herausfinden. Von den meisten kenne ich nicht einmal mehr den Namen. Der Name unter der gespeicherten Nummer liest sich meist nur wie „Freund von Oliver (Bankangestellter)“ oder „Julian Personaltrainer“. Natürlich mit dem Vermerk, dass er mir eventuell günstige Konditionen im Bereich Fitness veranlassen könne – wie oberflächlich.


Höher, schneller, weiter – hast Du was, bist Du was.


Aber schließlich muss ich auch sehen, wo ich bleibe. In meinem Leben oder Unternehmen muss es auch ja auch voran gehen. Dabei kann jeder Kontakt sich als nützlich erweisen. Im kapitalistischen Wettbewerbs-Dschungel heißt es doch im übertragenen Sinne „Friss oder Stirb“.


Ich bin Kennzahlen getrieben. Um mir und meinen Leuten weiter genug zu sein, muss ich Zahlen erfüllen. Die Motivation meinen Nächsten auszustechen und ihn outzuperformen drängt mich dazu noch mehr zu machen. Höher, schneller, weiter – hast Du was, bist Du was.


Die Wörter, die ich sage, sind nicht das, was ich denke


Ich fühle mich entfremdet. Die Wörter, die ich sage, sind nicht das, was ich denke. Und die Dinge, die ich mache, sind nicht das, was ich fühle. Etwas in mir will sich gegen mein weiteres Vorhaben wehren. Aber es geht immer weiter und weiter und weiter. Wer oder was auch immer in mir spricht, es hindert mich an meinem weiteren Vorhaben effizienter und schneller zu arbeiten. Ich sehe es als Ballast. Und in diesem Moment ignoriere ich die vielen Gedanken – ein Fehler.


Die Arbeitswoche darauf gehe ich wie üblich meine Kontaktliste durch. Wen habe ich denn alles kennengelernt die letzten Tage? Wer könnte etwas haben, was mir nützlich sein könnte? Vielleicht ergibt sich daraus auch der ein oder andere Kunde. Schließlich bin ich Unternehmer. Ich habe ja auch etwas, was ich ihm anbieten könnte.


Ich rufe die Nummer mit dem Namen Jan Wirtschaftsingenieur an. Durch einen Vermerk innerhalb des Kontakts weiß ich, dass ich ihn auf einer Messe für Automobilfahrzeuge kennengelernt habe. Ich erinnere mich flüchtig an ihn. Ich rufe an: „Hey Jan, wie läuft’s? Erinnerst du dich von der Auto-Messe neulich. Wir kamen ins Gespräch, weil wir beide BMW-Fans sind.“


Nicht, dass mich BMW‘s oder andere Fahrzeuge überhaupt interessieren. Aber manchmal muss man sich eben anpassen, um neue Leute kennenzulernen.

Jan erinnert sich an mich: „Hey, klar weiß ich, wer Du bist.“ Ein kurzes Gelächter und ein 5-minütiger Small-Talk reichen, sodass wir uns für nächste Woche zum Essen in der Mittagspause verabreden. Das Ganze mache ich noch mit vier weiteren Kontakten, die ich zuletzt kennengelernt habe – ich bin ja so begehrt.


Jeder kann sich doch mal als nützlich erweisen


Es ist Mittwochabend. Ich liege im Bett und starre seit guten drei Stunden an die Decke. Hin und wieder meldet sich der Fremde in mir und fragt, warum ich das Alles überhaupt mache. Freude bereitet es mir nicht. Glücklich bin ich auch nicht. Und meine Zeit verschwende ich auch größtenteils mit Kontakten, die ich wenig bis gar nicht kenne und mich eigentlich nicht interessieren.


Ich rechtfertige mich nicht gegenüber dieser Stimme in mir. Schließlich weiß ich, warum ich das mache. Man kann niemals genug Leute kennen. Jeder kann sich doch mal als nützlich von denen erweisen.


Wochenende. Endlich wieder Zeit für mich. Endlich wieder Party machen. Doch heute nicht. Ich fühle mich beschissen. Mein Kopf explodiert förmlich und ich fühle mich auch sonst nicht gut. Ich beschließe dieses Wochenende zu Hause zu bleiben. Filme gucken oder Lesen ist angesagt. Aber natürlich nur Filme oder Bücher, die mich weiterbringen. Die mich lehren, wie ich meinen Alltag meistern kann. Schließlich kann man nie genug lernen und jeder Tipp kann sich mal als nützlich erweisen.


Doch wieder plagt mich ein Moment der Gedankenflut. Der Fremde in mir spricht und fordert, dass ich auf der Stelle einen Cut mache. Dass es so nicht weitergehen kann und dass mir allerlei Kontakte, Bücher oder sonstige Nutzen, die ich anstrebe, nicht das geben, was ich brauche. Vollkommen aufgebracht, dass sich der Fremde wieder meldet und meint das Kommando übernehmen zu müssen, frage ich ihn, wer er denn überhaupt sei.


Doch dabei kenne ich die Antwort schon lange. Und der Fremde antwortet: „Ich bin Dein Herz!“

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